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1. Diagnosen
sind menschliche Konstrukte, die kommen und gehen. Was heute noch als
normal gilt, kann morgen schon „krank“ sein und umgekehrt. Ein
gutes Beispiel ist die„Homosexualität“, die vor noch nicht
allzu langer Zeit ICD9 offiziell als „Krankheit“ galt.
Millionen von homosexuellen Menschen wurden von einem Tag auf den anderen
allein dadurch „geheilt“ (!), dass man beschloss,
„Homosexualität“ aus den offiziellen Krankheitsverzeichnissen
(„Diagnoseschlüsseln“) zu streichen.
2.
Viele „Diagnosen“ kommen nur deshalb zustande, weil die
Gesellschaft mit dem Verhalten des Betroffenen nicht zurechtkommt und ihn
deshalb als veränderungs- bzw. behandlungsbedürftig etikettiert. Als
Beispiel erwähne ich gerne die so genannten
„Verhaltensgestörten“. Dieses Wort suggeriert, dass die
Betroffenen gestört sind. Tatsächlich ist es aber in der Regel die Umwelt,
die sich am Verhalten eines einzelnen stört. Dem angeblich
„Gestörten“ macht es dagegen oft regelrecht Spaß, zu lärmen,
„Unsinn“ zu machen oder sich in sonstiger Weise auffällig zu
benehmen. Durch das Etikett „Verhaltensstörung“ wird nun das
Problem, dass ein Mensch und seine Umwelt nicht so gut zusammenpassen,
einseitig dem einzelnen zugeschrieben. Die Umwelt kann es sich bequem
machen und braucht sich nicht zu fragen, ob sich das „Problem“
nicht auch durch größere Toleranz oder Änderungen der gesellschaftlichen
Spielregeln und Erwartungen lösen lassen könnte. Manche politischen Systeme
entsorgen auf diese Weise auch unliebsame „Dissidenten“.
3. Viele Diagnosen sind
„Kategorien“: Nach dem Alles-oder-Nichts-Prinzip fällt man
darunter oder nicht. Diese Betrachtungsweise trifft sicherlich manchmal zu
(ein bisschen schwanger gibt es nicht). Der allgemeinen Lebenserfahrung
entspricht aber mehr die Betrachtungsweise, dass sich Lebensprozesse auf
einem breiten Spektrum abspielen (so kann man etwas, mittelstark oder
schwer depressiv, müde oder ängstlich sein). Ab wann liegt also offiziell
eine „Depression“, „Schlafstörung“ oder
„Angstkrankheit“ vor? Ab wann gilt man als geheilt? Wie viel
Angst und Depression sind mit Gesundheit noch vereinbar? Wann ist man
wirklich „ganz gesund“?
4. Diagnosen
hängen immer auch von dem ab, der sie stellt. Wer mit Kieferschmerzen
nacheinander zum HNO-Arzt, Neurologen, Orthopäden oder Zahnarzt geht, wird
unter Umständen vier unterschiedliche Erstdiagnosen erhalten. Denn jeder Behandler wird Symptome bevorzugt vor dem Hintergrund
eigener Erfahrungen einordnen.
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